Gefährdungsanalyse gemäß Trinkwasserverordnung

Mit der Neuregelung der Trinkwasserverordnung durch die „Zweite Verordnung zur Änderung der Trinkwasserverordnung“ vom 05. Dezember 2012 sind u. a. die Anzeige- und Handlungspflichten der Unternehmer und sonstigen Inhaber (UsI) im Fall einer Überschreitung des technischen Maßnahmenwertes für Legionellen im Trinkwasser (100 KBE/100ml – KBE = Koloniebildende Einheit) festgelegt worden.
Zu den Handlungspflichten zählt so z. B. gemäß § 16 Absatz 7 Nummer 2 der Trinkwasserverordnung 2001 die Erstellung einer Gefährdungsanalyse.

Die Verpflichtung, im Fall des Falles eine Gefährdungsanalyse zu erstellen bzw. erstellen zu lassen, obliegt dem UsI, ohne dass er hierzu gesondert – z. B. durch das Gesundheitsamt – aufgefordert wird!

Gegenstand einer Gefährdungsanalyse ist die sogenannte „systematische Ermittlung von Gefährdungen und Ereignissen in den Prozessen der Wasserversorgung“ (Hinweis W 1001 des Deutschen Vereins des Gas- und Wasserfaches e.V. – DVGW).

Grob gesagt: Im Rahmen einer Gefährdungsanalyse sind potentielle Gefährdungen für den bestimmungsgemäßen, sprich den regelkonformen Betrieb der Trinkwasseranlage zu identifizieren und denkbare Ereignisse, die zum konkreten Eintreten einer Gefährdung führen können, herauszuarbeiten und zu beschreiben.
Dabei ist stets zu berücksichtigen:

  • Gefährdungen können an unterschiedlichen Stellen der Trinkwasserinstallation entstehen.
  • Gefährdungen können durch unterschiedliche Ereignisse ausgelöst werden.
  • Vorstellbare Szenarien sind somit nicht nur mannigfaltig sondern auch noch komplex.

In diesem Zusammenhang lautet die schlichte Fragestellung:

Was kann an welcher Stelle passieren?

Hierbei ist zu berücksichtigen, dass jede Trinkwasserinstallation ein Unikat ist, die Nutzer sehr unterschiedliche Schutzbedürfnisse haben und jeder Mensch (Nutzer) im Gebrauch von Wasser ein ganz individuelles Verhalten zeigt.
Hierüber wird deutlich, dass jede Erstellung einer Gefährdungsanalyse ein auf die jeweilige Situation ganz individuell abgestelltes Unterfangen ist und somit eine einheitliche Vorgehensweise nicht vorgegeben und praktiziert werden kann.
Auch bedeutet dies, dass die Trinkwasseranlage in der Gesamtheit und nicht nur punktuell „unter die Lupe“ zu nehmen ist.

Zwar sind die Grundlagen und Mindestinhalte einer Gefährdungsanalyse sowie die Art und Weise der Dokumentation in der Trinkwasserverordnung sowie in einigen die „allgemein anerkannten Regeln der Technik“ abbildenden Werken prinzipiell definiert und festgelegt, diese dienen allerdings nur der Orientierung.
Dies bedeutet: Im Einzelfall ist die Analyse und Beurteilung der Gefährdungslage stets eine „Premiere“.

Dass es keine standardisiert festgelegte „Checkliste“ gibt, an der man sich im gewissen Sinne mit angelegten Scheuklappen entlanghangelnd abarbeiten kann, liegt außer an den v. g. Gründen auch daran, dass ein Konzept entwickelt werden soll, das unter Berücksichtigung der möglichen individuellen Gefährdungen auf den konkreten Einzelfall abgestimmt sein muss. Außerdem soll vermieden werden, dass über starre Festlegungen möglicherweise unnötige und kostenintensive Maximalforderungen impliziert werden.
Im Übrigen sind in einigen Fällen, wie z. B. bei besonderen Risikogruppen oder speziellen Einrichtungen, über das übliche Maß hinausgehende Anforderungen zu stellen, was unter Umständen die Erstellung zusätzlicher Gefährdungsanalysen bedingen kann. Als Beispiel hierzu sei z. B. im Fall eines Krankenhauses eine patientenbezogene Gefährdungsanalyse genannt, die sich in erster Linie am Immunstatus der Patienten zu orientieren hat.

An die Qualifikation derjenigen, die eine Gefährdungsanalyse erstellen, sind insoweit hohe Anforderungen zu stellen. – Flexibilität einer- und umfassende Sorgfalt andererseits erfordern sozusagen ein Höchstmaß an fachlicher Kompetenz.

Hieraus ergibt sich, dass ein UsI in den seltensten Fällen in der Lage sein dürfte, die Erstellung einer Gefährdungsanalyse selbst durchzuführen.
Folglich wird die Beauftragung von unabhängigen, die fachlichen Anforderungen erfüllenden und die erforderliche Qualifikation nachweislich besitzenden Personen oder Unternehmen eher die Regel als die Ausnahme sein.

Wichtig ist in diesem Zusammenhang, darauf hinzuweisen, dass mit der Gefährdungsanalyse nur betraut werden darf, wer unabhängig von anderen Interessen, d. h. unbefangen ist. – Eine Befangenheit ist immer dann zu vermuten, wenn Personen an der Planung, dem Bau, der Instandhaltung / Wartung oder dem Betrieb der betreffenden Trinkwasserinstallation beteiligt waren oder sind.
Und: Der Nachweis der Unabhängigkeit kann im Streitfall (z. B. bei Schadensersatzforderungen) vor den Gerichten von entscheidender Wichtigkeit sein!

Unter Umständen, d. h. bei besonders komplexen Frage- / Aufgabenstellungen oder bei außergewöhnlichen Objekten wie z. B. Kindergärten, Alten- / Pflegeheimen und Krankenhäusern, kann sich für die Erstellung einer Gefährdungsanalyse die Bildung eines Teams als sinnvoll bzw. sogar notwendig erweisen.
Neben der Erstellerin / dem Ersteller der Gefährdungsanalyse können z. B. technische Sachverständige, Techniker des betroffenen Objektes, Mitarbeiter des untersuchenden Labors, ärztliche / pflegerische Leiter, Hygieniker sowie Mitarbeiter des Gesundheitsamtes hinzugezogen werden.

Ziel einer Gefährdungsanalyse ist es, dem UsI eine konkrete Beschreibung der an der Trinkwasseranlage vorhandenen Mängel, die planerischer, baulicher und / oder betriebstechnischer, d. h. auch nutzungsspezifischer Natur sein können, an die Hand zu geben. Weiterhin soll sie als Basis für den Entscheidungsprozess zur Festlegung ggf. notwendiger, nach Prioritäten gestaffelter Abhilfemaßnahmen dienen.
Ausschlaggebendes Kriterium bei der Prioritätensetzung ist die Gefährdung der Gesundheit von Personen. Zu differenzieren sind Sofortmaßnahmen sowie mittelfristig und langfristig umzusetzende Maßnahmen.

Ausgehend von dem Ergebnis einer Gefährdungsanalyse kann dann, sozusagen in einem gesonderten zweiten Schritt, ein Konzept zur Beseitigung der Ursachen für eine Kontamination entwickelt, ggf. auch für eine Sanierung der Trinkwasserinstallation erstellt werden.
In diesem Zusammenhang ist zu berücksichtigen, dass nach der Trinkwasserverordnung die nach den „allgemein anerkannten Regeln der Technik“ zum Schutz der Verbraucher erforderlichen Maßnahmen durchzuführen sind – und das ohne Wenn und Aber!

Als wesentliche Elemente einer Gefährdungsanalyse gelten nach den „Empfehlungen für die Durchführung einer Gefährdungsanalyse gemäß Trinkwasserverordnung“ des Umweltbundesamtes (UBA) insbesondere:

  • Eine Prüfung, welche Dokumente wie z. B. Installations- / Revisionspläne, Instandhaltungs- / Wartungsberichte, Ergebnisse von hygienisch-mikrobiologischen Untersuchungen zur Verfügung stehen.
  • Eine Überprüfung, ob die Trinkwasserinstallation den sogenannten „allgemein anerkannten Regeln der Technik“ entspricht und ein „bestimmungsgemäßer Betrieb“ vorliegt. Dies hat unter Berücksichtigung von Planungs- / Bestandsunterlagen und sonstigen Aufzeichnungen, die den Aufbau sowie den Betrieb der Trinkwasserinstallation dokumentieren, zu erfolgen. Sofern also keine Bestandsunterlagen und / oder Aufzeichnungen verfügbar sind, sind schnellstmöglich ein Anlagenschema zu erstellen, das die aktuelle Trinkwasserinstallation / Leitungsführung abbildet, und die erforderlichen Informationen durch Befragungen und eigene Besichtigungen zu erheben.
  • Eine Überprüfung der wichtigen Betriebsparameter wie insbesondere die Temperatur in der Warmwasserbereitung, in der Zirkulation sowie an endständigen Entnahmestellen. – Ggf. kann es auch erforderlich sein, Durchflussmengen zu messen.
  • Eine Veranlassung weitergehender Untersuchungen auf Legionellen.
  • Eine Gesamtbewertung und dokumentarische Zusammenstellung der Ergebnisse und Befunde der Analyse(n) sowie die Ableitung bzw. Empfehlung von Maßnahmen. – Wichtig sind in diesem Zusammenhang selbstverständlich auch Hinweise zum Schutz betroffener Personen. Diesen kommt immer dann eine besondere Bedeutung zu, wenn Personen betroffen sind, deren Immunsystem geschwächt ist. Gegebenenfalls ist die Notwendigkeit zusätzlicher Anforderungen zu prüfen. Entsprechend kann sich die Umsetzung proaktiver Maßnahmen (z. B. Einbau von Sterilfiltern) als erforderlich erweisen.

Dem UsI obliegt als Betreiber der Trinkwasseranlage die Verpflichtung, zu kontrollieren, ob in der ihm gelieferten Gefährdungsanalyse konkrete Aussagen zu allen in der „Empfehlung für die Durchführung einer Gefährdungsanalyse gemäß Trinkwasserverordnung“ des UBA vom 14. Dezember 2012 unter Punkt 8 genannten Aspekten getroffen sind.

Weiterhin ist er verpflichtet, beim Nachweis einer Überschreitung des technischen Maßnahmenwertes für Legionellen (100 KBE/100ml) in der Trinkwasserinstallation die betroffenen Nutzer unverzüglich über das Ergebnis der Gefährdungsanalyse sowie den sich ggf. daraus abzuleitenden Einschränkungen (z. B. Duschverbot) und Maßnahmen (z. B. chem. Desinfektion) zu informieren.
Diesbezüglich ist zu empfehlen, die Information(en) mit dem zuständigen Gesundheitsamt abzustimmen.

Im Übrigen erscheint es dringend angeraten, das zuständige Gesundheitsamt möglichst frühzeitig einzubinden!

Quellen:

Trinkwasserverordnung vom 21. Mai 2001 (BGBl. I S. 959), die zuletzt durch die Zweite Verordnung zur Änderung der Trinkwasserverordnung vom 5. Dezember 2012 (BGBl. I S. 2562) geändert worden ist

Technische Mitteilung Hinweis W 1001: Sicherheit in der Trinkwasserversorgung – Risikomanagement im Normalbetrieb.
Deutsche Vereinigung des Gas- und Wasserfaches e.V., Bonn

„Empfehlungen für die Durchführung einer Gefährdungsanalyse gemäß Trinkwasserverordnung – Maßnahmen bei Überschreitung des technischen Maßnahmenwertes für Legionellen“
Umweltbundesamt, 14.12.2012