Lehmputz – Risse und Schimmel

In der letzten Zeit scheinen sich Probleme wie Risse und Schimmel bei neu aufgebrachten Lehmputzen zu häufen – jedenfalls lassen die uns erreichenden Anfragen und Hinweise diese Vermutung zu.

Die Ursachen für Risse und Schimmel sind allerdings vielfältig und oftmals kommen mehrere ungünstige Faktoren zusammen.

Anfang Oktober 2012 waren wir z. B. in einem Gebäude im Rhein-Main-Gebiet, in dem Fachwerk-Außenwände einen neuen Lehm-Innenputz erhalten (sollen).
Dort fanden wir einen aufgezogenen Lehm-Grundputz mit einer haarsträubenden Rissbildung und großflächigen Schimmelkolonien vor.

Lehmputz - Risse und Schimmel

Die Qualität des Bildes ist in Anbetracht sehr schlechter Lichtverhältnisse und der Aufnahme mittels Handy leider nicht die beste, aber man kann doch das Ausmaß der Schäden erkennen. – Nur mal so zum Größenvergleich: Rechts unten im Bild sind zwei Steckdosenabdeckungen zu sehen.

Festzustellen ist:

  • Die Rissbildung ist bezüglich Ausmaß und Rissbreiten erheblich.
  • Die Risse reichen bis zum Untergrund.
  • Stellenweise ist bereits ein Aufschüsseln und eine Schollenbildung erkennbar, was auf Ablösungen des Putzes hindeutet.
  • Es haben sich großflächige Schimmelkolonien gebildet.
  • Wandaußenseitig liegt eine erhebliche Feuchtebelastung der Schwelle vor.

Hier sind gleich mehrere Faktoren zusammengekommen:

  • Es ist eine Lehmfertig-Trockenmischung ohne Stroh- / Faseranteil verwendet worden.
  • Der Auftrag ist viel zu dick erfolgt (lt. dem technischen Merkblatt zum verwendeten Lehmprodukt sind pro Auftrag max. 2 cm zulässig, aufgebracht wurden nach einigen Stichproben etwa 4 cm).
  • Mit den Putzarbeiten ist viel zu spät im Jahr begonnen worden.
  • Für eine ausreichende Lüftung ist nicht bzw. konnte wohl nicht gesorgt werden.
  • Eine mechanische Trocknung ist nicht erfolgt.

„Verzapft“ hat das Ganze nicht etwa ein Laie sondern eine Fachfirma unter der Regie eines Bauleiters!!!

Wir gehen davon aus, dass weder das Aufbringen des Putzes noch die zum Erreichen eines abnahmefähigen Zustandes erforderliche Nachbehandlung fachgerecht erfolgt bzw. durchgeführt worden ist.
Die Rissbildung ist u. E. vom Ausmaß / der Intensität her nicht tolerierbar. – Nach den „Lehmbau Regeln“, die u. a. in Hessen bauaufsichtlich als Technische Baubestimmung eingeführt sind, können Schwindrisse in Unterputzen lediglich toleriert werden, wenn sie in geringem Umfang auftreten, sofern eine ausreichende mechanische Haftung zum Untergrund gesichert ist und wenn sie beim Auftrag von dünnen Oberputzen nicht durchscheinen. Im vorliegenden Fall kann jedoch davon ausgegangen werden, dass keines der v. g. Kriterien hinreichend erfüllt wird.

Ein vertraglich geschuldeter Erfolg des Werkes liegt im vorliegenden Fall u. E. nicht vor bzw. kann unter den gegebenen Umständen nicht erzielt werden.
Wir haben insoweit empfohlen, den Mangel unverzüglich schriftlich anzuzeigen bzw. die Abnahme zu verweigern.

Da u. E. eine nachhaltige Behebung der am Unterputz eingetretenen Schäden nicht möglich ist, haben wir folgende Empfehlungen ausgesprochen:

  • Der Putz sollte so rasch wie möglich abgenommen und entsorgt werden.
  • Danach sollte untersucht werden, ob bzw. inwieweit der Untergrund durch die Feuchtebelastung geschädigt worden ist. Ob ggf. hieraus weitere Schadensersatzansprüche abgeleitet werden können, wäre dann noch zu prüfen.
  • In Abhängigkeit von der im Untergrund enthaltenen Feuchte sollte ggf. eine maschinelle Trocknung durchgeführt werden. Sofern die Raumlufttemperatur unter 15 °C liegt, sollte ein Sorptionstrockner eingesetzt werden. – Sorptionstrockner zeichnen sich dadurch aus, dass sie auch bei geringer Umgebungstemperatur funktionieren. Beim Einsatz eines derartigen Gerätes ist allerdings eine ständige Kontrolle erforderlich, um eine Übertrocknung und sich daraus ergebende Schädigungen zu vermeiden.
  • Bei den ersten Anzeichen einer Schimmelbildung auf den alten Bauteilen sollte unverzüglich eine Desinfektion mit einem baubiologisch auf Unbedenklichkeit geprüften Mittel (z. B. SANOSIL) durchgeführt werden, um das Schimmelpilzwachstum zu stoppen. Sobald es dann der Trocknungsgrad zulässt, sollten die betroffenen Flächen z. B. durch Absaugen gereinigt werden. Im Bau-Staubsauger ist ein Filter der Staubklasse H einzusetzen.
  • Im Zuge der Erneuerung des Innenputzes sollte u. E. zuerst ein strohhaltiger Unterputz fachgerecht / nach Herstellervorschrift aufgebracht werden. Als Deckputz könnte dann je nach gewünschter Oberfläche sowohl strohhaltiger als auch strohfreier Lehmfeinputz zum Einsatz kommen.
  • Es wäre allerdings auch zu überlegen, ob eine „zarte“ energetische Sanierung vorgenommen, d. h. eine nachweislich bauphysikalisch vertretbare Innendämmung (z. B. mit Leichtlehmputz oder Leichtlehmplatten) ausgeführt werden sollte.
  • Die Ausführung sollte allerdings erst im kommenden Jahr bei höheren Außentemperaturen, etwa ab Mai erfolgen, um eine zügige Trocknung zu ermöglichen und eine oberflächliche Schimmelbildung sowie eine Kondensatbildung in den Außenwänden zu vermeiden.

Was uns in solchen Situationen erschreckt, ist, wie leichtfertig mit Naturbaustoffen umgegangen wird; frei nach dem Motto „ist ja natürliches Material, da kann man doch nichts falsch machen“.

So haben wir zunehmend die Befürchtung, dass ein wunderbarer, an sich selbsthilfefreundlicher Baustoff als reißend und schimmelnd in Verruf gerät. – Und das, nicht weil er schlecht ist, sondern weil es den Anwendern/Anwenderinnen schlichtweg an Wissen um alte Handwerkstechniken und an der erforderlichen Erfahrung – leider oftmals auch an Einsicht fehlt.
So traut es sich offensichtlich jeder, der eine Kelle halten kann, zu, Lehmputz auf die Wand zu bringen; möglichst dick, damit man sich mehrere Arbeitsgänge spart, ohne Berücksichtigung der Materialeigenschaften sowie der Untergrundbeschaffenheit und die alte Regel, dass Lehm in größerem Umfang nur in Monaten ohne „r“ verarbeitet werden sollte, kennt man nicht bzw. wird ignoriert.
Auch „Beratungsresistenz“, zumindest eine „Beratungsabneigung“ scheint eine gewisse Rolle zu spielen.

Wir können insoweit nur dazu raten, mit Lehm nicht unbedacht, u. U. sogar leichtfertig zu hantieren.
Wer selbst noch keine Erfahrung hat, sollte sich von einem versierten Fachmann beraten, ggf. sogar anleiten lassen.

Wer sich, aus welchen Gründen auch immer, nicht an Lehmbausachverständige, im Lehmbau erfahrene Architekten und Ingenieure wenden möchte, kann sich Rat, ggf. auch Tat, von Vereinen und Verbänden (z. B. bei der Interessengemeinschaft Bauernhaus e. V. – http://igbauernhaus.de/) holen.
In Thüringen bietet zum Beispiel der Denkmalhof Gernewitz – http://www.denkmalhofgernewitz.de/ – Seminare und praktische Kurse zum Thema Lehmbau sowie für Bauherren in Thüringen eine kostenlose Bauherrenberatung – http://www.denkmalhofgernewitz.de/index.php?id=44 – an.

Wenn gewünscht, stehen selbstverständlich auch wir gern beratend, planend, baubegleitend und / oder bauüberwachend zur Seite.